Художники из Ст. Петербурга / Аrtists from St. Petersburg. Works on Paper


Ausstellung und Katalog Die KußhandThe blown kiss • Воздушный поцелуй • Berlin, 1994

Die Künstler



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Die Künstler

Die Arbeiten, die wir Ihnen hier präsentieren, stammen von international bekannten Künstlern aus St. Petersburg. Sie vertreten die Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen, die in den achtziger Jahren mit Selbstbewußtsein, Vitalität und Risikobereitschaft die verkrustete Kulturlandschaft Leningrads revolutioniert hat. [The Style of the Leningrad 80es >>]

Versetzen wir uns in die Atmosphäre der achtziger Jahre. Sie war einerseits geprägt durch die prekäre rechtliche Lage der inoffiziellen Künstler, also derjenigen, die ohne „Gewerbeschein" arbeiteten, weil sie nicht Mitglieder des staatlichen Künstlerverbandes waren. Dies beschränkte ihre Ausstellungsmöglichkeiten weitgehend. Auch drohte ihnen Verhaftung, wenn sie in ihrem Arbeitsbuch keine ordentliche Stelle nachweisen konnten. Zudem lebten viele junge Künstler ohne Zuzugsberechtigung, also illegal, in der Stadt.

Andererseits herrschte Aufbruchsstimmung. Das Ende der ideologischen Herrschaft war spürbar. Die inoffiziellen Künstler waren nicht länger bereit, ihre künstlerische Existenz mit einer offiziellen Tätigkeit als Nachtwächter, Heizer oder Museumshilfsassistent zu kaschieren.

Andrei Medvedev, 1991.  Photo by Hannelore Fobo

Andrei Medvedev, 1991.

Photo by Hannelore Fobo
Die zahlreichen Künstlergruppen, die in jener Zeit entstanden, hatten neben der Vertretung gemeinsamer künstlerischer Ansätze, die sie mehr oder weniger eng miteinander verbanden und die sich in vielen Gemeinschaftsarbeiten manifestierten, eine starke gesellschaftliche Komponente. Mangels öffentlicher Räume und Lokale traf sich die Szene in den Ateliers einiger Künstler. Hier flossen die Informationen über die neuesten internationalen Tendenzen zusammen, und hier konnte man bei den Technoparties am Wochenende stilgerecht Imagepflege betreiben.

Zur Szene (Tusovka) gehörten selbstverständlich nicht nur Maler, sondern auch Musiker, Filmemacher, Modedesigner, Tänzer, Kunstkritiker und Halluzinogenexperten. Die Grenzen waren fließend, niemand ließ sich festlegen. Den Mangel an Geld und Mitteln glich ein Übermaß an Kreativität aus. In gewissem Sinne war es eine „antibürgerliche" Bewegung, jedenfalls keine politische Protestbewegung.

Als wichtigste künstlerische Bewegung galten und gelten die "Neuen Künstler">> die sich als erste Avantgardegruppe bereits 1982 formierten. Ihr Begründer war Timur Novikov. Von den hier vorgestellten Künstlern gehörten Oleg Kotelnikov, Ivan Sotnikov, Evgenij Kozlov, Andrei Medvedev und Vadim Ovchinnikov zu dieser Gruppierung. Kein theoretisches Programm, sondern die Anerkennung der Kunst der anderen Mitglieder war bestimmend für den Wunsch, als Gruppe aufzutreten und gemeinsam Ausstellungen durchzusetzen. Die Arbeiten der Neuen Künstler bestechen durch die Expressivität des erzählerischen Inhalts, welche durch starke Farbkontraste akzentuiert wird und eine gewisse Affinität zur Kunst der russischen Avangarde vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt.

Typsich für die achtziger Jahre war auch ihr Weg in die Öffentlichkeit: von Wohnungsausstellungen, die regelmäßig vom KGB gesprengt wurden, in Kinos, Arbeiterklubs und Jugendpaläste (mit Selbstzensur). Mit der Perestroika und dem Besuch westlicher Kunstexperten kommt es ab 1988 in schneller Folge zu Ausstellungen in den USA und Westeuropa. 1990, auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, endet die gemeinsame Ausstellungstätigkeit. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

Von links nach rechts: Oleg Zaika, Viktor Kuznetsov, Oleg Maslov, Gemälde von Oleg Maslov. "Les Allumées", Nantes, France, 1991

Von links nach rechts: Oleg Zaika, Viktor Kuznetsov, Oleg Maslov, Gemälde von Oleg Maslov.
"Les Allumées", Nantes, France, 1991
photo by Hannelore Fobo

Der wichtigste dürfte sein, dass die Gruppe ihre Funktion als Schutz- und Identifikationsraum erfüllt hatte. Heute wenden sich die Künstler ihren eigenen Projekten zu. Evgenij Kozlov beispielsweise sammelt Arbeiten St. Petersburger Künstler im Format von ausschließlich 2 x 3 Metern für eine Ausstellungstournee. Inal Savchenkov hat zusammen mit seinem Freund Frants Rodvalt die „Schule der Ingenieure der Kunst" gegründet, wo er mit jüngeren Künstlern arbeitet. Die internationale Bekanntheit hat ihnen die großen Ausstellungshallen St. Petersburgs geöffnet: Manege, Ethnographisches Museum, Russisches Museum. Im künstlerischen Leben der Stadt spielen sie weiterhin eine herausragende Rolle.

Die anderen Künstler dieser Generation haben vergleichbare Entwicklungen hinter sich. Oleg Maslov und Oleg Zaika, die ihr Sinn für Surreales verbunden hatte, arbeiten heute getrennt, wobei sich Oleg Maslov wie auch der frühere „Neue Künstler" Andrei Medvedev den Neoakademisten angeschlossen hat. Der Nekrorealist Valery Morozov kündigte jüngst eine künstlerische Neuorientierung an. Viktor Kuznetsov (Gipper Puper) fühlt sich immer noch seiner Gruppe „Svoi" verbunden, stellt aber zunehmend allein aus. Vadim Sadovnikov hat sich musikalisch umorientiert: vom Rock zu Kirchenchorälen.

Ihren eigenen künstlerischen Weg verfolgen sie mit Engagement und Konsequenz. Es lohnt sich, sie auf diesem Weg zu begleiten.

Hannelore Fobo, 1994.