Художники из Ст. Петербурга / Аrtists from St. Petersburg. Works on Paper


Ausstellung und Katalog The blown kiss • Воздушный поцелуй • Berlin, 1994

Die Ausstellung



The artists Die Künstler Художники
The exhibtion Die Ausstellung Концепция выставки
catalogue Katalog каталог

Die Ausstellung.

Die Idee, eine Ausstellung St. Petersburger Künstler ausschließlich mit Arbeiten auf Papier durchzuführen, kam mir im Sommer 1992 bei einem Besuch in Oleg Kotelnikovs Atelier.

Was ich erwartete, waren großformatige, expressive Ölbilder. Was Oleg Kotelnikov mir vorlegte, waren winzige, zarte, poetische Aquarelle.

Oleg Kotelnikov, о.Т., Аquarell, Tusche, Papier 37 x 24 cm, 1992

Oleg Kotelnikov, о.Т.
Аquarell, Tusche, Papier
37 x 24 cm, 1992

Ich war sofort hingerissen. Möglicherweise gab es bei den anderen Petersburger Künstlern aus Olegs Generation ähnliche Schätze zu entdecken.

Mir waren von früheren Besuchen ihre großen Formate – in der Regel Öl auf Leinwand oder auf Stoff – recht gut bekannt. Es sind Arbeiten, mit denen sich die Künstler identifizieren und identifizieren lassen, die man auf Ausstellungen und in Katalogen sieht. Doch was war mit ihrem graphischen Werk?

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass fast alle der von mir angesprochenen Künstler im Atelier oder zu Hause einen Stapel von Zeichnungen, Collagen, Skizzen ohne jedes System und häufig unsigniert aufbewahrten, die fast nie jemand zu Gesicht bekam.

Dass diese Arbeiten stets im Schatten der „seriösen“ Malerei geblieben waren, hatte nichts mit ihrer Qualität zu tun. Es lässt sich vielmehr mit der spezifischen Situation der inoffiziellen Künstler in den achtziger Jahren erklären, die bereits in der Einführung umrissen wurde.

Es ist logisch, dass diese Künstler für die wenigen Gelegenheiten, ihre Kunst öffentlich zu zeigen, die repräsentativen Arbeiten, also Ölmalerei wählten, zumal diese häufig in spontanen Gemeinschaftsaktionen direkt für die Ausstellung geschaffen wurden. Kunst – das war nicht nur der individuelle Schaffensprozess, sie umfasste die Beziehungen der Künstler miteinander.

Die Grafik zeigt einen intimeren Charakter. Selbstverständlich nimmt sie die künstlerischen Grundsätze auf, die jedem Künstler eigen sind, doch entfaltet sich dessen Kreativität hier ganz frei von möglichen Selbstverpflichtungen gegenüber einem bestimmten Stil oder einer bestimmten Technik, mit denen man ihn assozierte.

Gerade die kleinen Formate zeigen, mit welcher Freude und Unmittelbarkeit die Petersburger die verschiedensten Ideen entwickeln und verfolgen. Diesem schöpferischen Impuls liegt ein starkes Empfinden für die Schönheit der Dinge zugrunde, welche sich dem unvoreingenommenen Betrachter offenbart: Es ist die poetische Seite der Alltagswirklichkeit, die eigentliche Wahrheit der Existenz, die viele Künstler mit einem ausgesprochenen Sinn für Humor kommentieren.

Vadim Ovchinnikov, Am Dorfrand, Flizstift, Löschpapier, 15 x 21,5 cm, 1992

Vadim Ovchinnikov
Am Dorfrand
Flizstift, Löschpapier
15 x 21,5 cm, 1992

Nicht allen Künstlern war der eigenständige Wert ihres grafischen Werkes bewusst. Durch die Idee der Ausstellung rückte sie in den Vordergrund, was bei Valery Morozov, Inal Savchenkov, Andrei Medvedev und Vyacheslav Mogilevsky einen kreativen Schub auslöste.

Andere Künstler haben sich von jeher mit kleinen Formaten beschäftigt. Das gilt in erster Linie für Vadim Ovchinnikov, Oleg Zaika, Viktor Kuznetsov und Evgenij Kozlov. Letzterer setzte sich auch mit den im allgemeinen vernachlässigten Drucktechniken, vor allem mit der Radierung, auseinander. Bei diesen Künstlern spielen thematische Serien und Künstleralben eine besondere Rolle. Auch bestätigt sich hier, dass viele Ölbilder ihre Vorläufer in ausgearbeiteten Zeichenstudien haben. –

Mit dieser Ausstellung wollen wir einem breiten Publikum einen bisher unbekannten Aspekt aus dem Schaffen einer wichtigen Petersburger Künstlergeneration zeigen.

Die Arbeiten auf Papier dokumentieren das Spektrum der künstlerischen Ansätze. Wo immer es möglich war, werden diese durch Originalzitate der Künstler erläutert.

Unser Anliegen war nicht die kunsttheoretische Untersuchung einer bestimmten Gattung, sondern der Entwurf eines Stimmungsbildes der komplexen inneren Welten der Künstler. Wir glauben, dass die vorliegenden Arbeiten geeignet sind, dem Betrachter Auskunft über die Authentizität der russischen Kunst, ihres Reichtums und ihrer Poesie zu geben.

Hannelore Fobo, 1994.