Еvgenij Kozlov über die achtziger Jahre und die «Neuen Künstler» Seite 4


Die Fragen stellte Elena Fedotova, Redakteurin des Kunstmagazins «Artchronika» (Moskau), anlässlich der Ausstellung im Russischen Museum, St. Petersburg
«Brushstroke. New Artists and Necrorealists 1982 - 1991», Februar - Mai 2010


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Was hatte es mit der Ausstellung «1. Biennale mit Portraits von Timur» in der Galerie ASSA auf sich?


Einige meiner Fotografien, ebenfalls aus dem Jahr 1984, zeigen eine Ausstellung mit Werken verschiedener Künstler in der Galerie ASSA, die alle Portraits von Timur Novikov sind. Darunter ist auch das gemeinsame Portrait von Chasanovitch, Egelsky und mir, welches im Katalog « Brushstroke» abgebildet ist.


Verschiedene Künstler: Portraits von Timur Novikov Möglicherweise handelt es sich dabei um die Ausstellung, nach der Sie fragen. Allerdings erinnere ich mich nicht an die Bezeichnung „Biennale“. Dieses Gemeinschaftsportrait ist sehr schnell entstanden, innerhalb einer Stunde, es kann also durchaus sein, dass wir es als „Auftragsarbeit“ für die Ausstellung anfertigten. Jeder liebt sein Portrait, und Timur machte dabei keine Ausnahme. Ich habe bei diesem Portrait unter anderem die weiße Schraffur aufgebracht, um die unterschiedlichen Elemente zu einer Gesamtkomposition zu führen. Meine Kunst der 80er Jahre unterschied sich ja von den anderen „Neuen“ dadurch, dass bei mir der Aufbau des Bildes in aller Regel nicht spontan während des Malens entstand als „CHAOSE ART“ mehr >>, wie ich es heute nenne, sondern planvoll und schrittweise angelegt wurde. Die Integration der einzelnen Elemente spielt daher ein große Rolle. D. Egelsky. K. Khazanovich, E. Kozlov,  „Portrait Timur Novikov“, Sammlung Russisches Museum
Verschiedene Künstler: Portraits von Timur Novikov D. Egelsky. K. Khazanovich, E. Kozlov, „Portrait Timur Novikov“,
Sammlung Russisches Museum



In diese Ausstellung hätte eigentlich mein «Portrait von Timur Novikov mit Knochenarmen» gehört, das aber erst 1988 entstanden ist. Im Katalog ist es mit dem Titel „Portrait von Timur Novikov“ abgebildet, wie es auf der Rückseite des Bildes steht, was aber nicht sein vollständiger Titel ist. Es ist viel bedeutender als das Gemeinschaftsportrait von 1984, und das entspricht auch der Wertschätzung, die Timur ihm entgegengebracht hat.

Allerdings unterliegt man schon dem ersten Irrtum, wenn man meint, dass es mir um die Abbildung eines existierenden Menschen ging. Es wurde ja nicht von Timur bestellt, und ich bin auch kein Andy Warhol, der jedem, der ihm 25.000 Dollar auf den Tisch liegt, ein Designerportrait anfertigt. Sondern mir geht es um eine vollkommene Transformation der Person, die man auch als geistige Metamorphose bezeichnen kann. Ich will konkret werden. Wenn man mein Portrait von Timur Novikov aus dem Jahre 1988 betrachtet, so sieht man nicht Timur, sondern den Zustand, in den Timur letztendlich gelangte.

In dieses Portrait sind künstlerische Elemente eingefügt, die die Bedeutung des Todes oder der Unsterblichkeit zu tragen scheinen: diese wunderbar fein ausgearbeiteten Knochenarme, deren Details so winzig sind, dass man sie nur sieht, wenn man sich ganz nah vor das Bild stellt. Sie bringen  eine ganz klare Dissonanz in das Bild und verstärken auf diese Weise Timurs Energie in Bezug auf die Stadt, in der wir lebten. Gleichzeitig aber zeigen sie auch, dass mir klar ist, wer er ist oder wer ich bin im Verhältnis zur zeitgenössischen Kunst. Das ist auch der Grund für die verschiedenen Farben im Gesicht. Das Gesicht das zentrale Element des Bildes. Es verliert nichts an Ausdruck, wenn man die Hände weglässt oder alles, was sich um das Gesicht herum befindet. Wenn man es aber lässt, hat man eine viel reichhaltigere Ausgangsbasis für die Erkundungen der inneren Welt.

Еvgenij Kozlov „Portrait von Timur Novikov mit Knochenarmen“, 1988 Sammlung Russisches Museum Еvgenij Kozlov in der „Galaxy Gallery" mit den Bildern „Papagei“, „Portrait von Oleg Kotelnikov mit Krokodil und rotem Punkt" und dem noch unvollendenten Portrait von Timur. . Kozlov, aus der Serie „Classic", übermalte Fotografie. Оriginale Fotografie 1995 Timur Novikov und Evgenij Kozlov in der  Ausstellung „Selbstidentifikation / Self-Identification", Berlin, 1995.
Еvgenij Kozlov
„Portrait von Timur Novikov
mit Knochenarmen“, 1988
Sammlung Russisches Museum
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Еvgenij Kozlov in der „Galaxy Gallery"
mit den Bildern „Papagei“, „Portrait von Oleg Kotelnikov mit Krokodil und rotem Punkt" und dem noch unvollendenten Portrait von Timur.

Fotografie: V. Sadovnikov, 1988

Е. Kozlov, aus der Serie „Classic", übermalte
Fotografie.
Оriginale Fotografie 1995

Timur Novikov und Evgenij Kozlov in der
Ausstellung „Selbstidentifikation
/ Self-Identification", Berlin, 1995.


Diese Erkundigung können wir fortsetzen, wenn wir die Maske wegnehmen. Dann sehen wir direkt auf das Gehirn, allerdings nicht auf Timurs Gehirn. Ich habe ja nicht nur Timur gemalt, sondern auch mich selbst, und zwar auf der Grundlage dessen, was ich in ihm sah. Als da Vinci die Mona Lisa gemalt hat, hat er sich selbst gemalt, wenn man das einmal so umrisshaft sagen kann.

Man müsste dies sehr viel exakter formulieren, damit man es auch exakt erforschen kann. Wenn man an diesem Gedanken ansetzt, dann kann man die Schönheit eines beliebigen Elementes des Gemäldes zeigen. Diese untere trapezartige Fläche der Haut zum Beispiel, die einen Zustand darstellt zwischen Wasser und Feuer oder die blauen Flammen, die aus seinen Schultern züngeln. Timur ist verbrannt. Hier brennt er nicht. Als ich mich mit der Komposition beschäftigt habe, habe ich nicht daran gedacht, dass Timur einst sterben wird. Sondern ich habe mich damit beschäftigt, dass die Wirkung der Schönheit zustande kommt. Inwiefern diese Schönheit einen tieferen Zusammenhang offen legt, kann ich hier nicht ausführen, aber vielleicht machen diese Andeutungen verständlich, was ein Portrait sein kann.

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